CMD-Wissen
Warum eine physiotherapeutische Vorbehandlung vor der Erstellung eines Bissregistrats entscheidend ist
Viele Patienten – und leider auch einige Zahnärzte – betrachten Kiefergelenkprobleme isoliert, ohne den Körper als Ganzes einzubeziehen. Dabei ist die Funktion des Kiefergelenks eng mit der gesamten Körperstatik verbunden. Eine physiotherapeutische Vorbehandlung, die ganzheitlich arbeitet, ist daher entscheidend, um eine optimale Grundlage für die zahnmedizinische Versorgung zu schaffen.
Kiefergelenk und Körperstatik: Eine untrennbare Verbindung
Das Kiefergelenk ist Teil eines komplexen Systems aus Muskeln, Knochen und Faszien, das sich über den gesamten Körper erstreckt. Eine Fehlfunktion des Kiefergelenks kann sich negativ auf die Körperstatik auswirken – und umgekehrt.
Beispiele für Zusammenhänge:
- Beckenfehlstellungen beeinflussen die Wirbelsäule und können zu kompensatorischen Fehlhaltungen im Nacken- und Kopfbereich führen, die das Kiefergelenk belasten.
- Verspannungen im Kieferbereich (z. B. durch nächtliches Knirschen) können wiederum Schmerzen in Nacken, Schultern oder sogar im unteren Rücken auslösen.
Während Zahnärzte meist nur den Kieferbereich untersuchen, analysieren Physiotherapeuten den gesamten Körper, um die eigentlichen Ursachen für Beschwerden zu finden und zu behandeln.

Die Grundlagen für die präzise Bissregistrierung
Um ein optimales Bissregistrat zu erstellen, müssen bestimmte anatomische Bezugsebenen berücksichtigt werden:
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Frankfurter Horizontale: Diese Referenzebene verläuft vom Porus acusticus externus (oberer Rand des äußeren Gehörgangs) zum Unterrand der Orbita (untere Begrenzung der Augenhöhle). Sie dient dazu, den Schädel in eine standardisierte horizontale Position zu bringen.
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Campersche Ebene: Diese Linie verläuft vom Porus acusticus externus zur Spina nasalis anterior (vorderer Nasendorn) und bildet die Grundlage für die Ausrichtung der Okklusionsebene.
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Okklusionsebene: Dies ist die gedachte Ebene, die durch die Kauflächen der Zähne verläuft. Sie muss nach einer prothetischen Neuversorgung parallel zur Camperschen Ebene ausgerichtet sein, um eine funktionelle Belastung des Kiefergelenks zu gewährleisten.
Wenn diese Ebenen nicht korrekt berücksichtigt werden, entstehen oft Probleme wie Muskelverspannungen, Fehlbelastungen oder Schmerzen.
Warum Physiotherapie vor der Bissnahme so wichtig ist
Vor der Erstellung eines Bissregistrats ist es entscheidend, dass der Kiefer und der gesamte Körper in eine entspannte, muskulär ausgeglichene Position gebracht werden. Eine physiotherapeutische Vorbehandlung sorgt dafür, dass:
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Verspannungen gelöst werden:
Chronische Verspannungen – besonders in der Kaumuskulatur (M. masseter, M. temporalis) – können die Kieferposition verfälschen. -
Der Körper ganzheitlich betrachtet wird:
Die Physiotherapie untersucht und behandelt nicht nur den Kiefer, sondern auch die Halswirbelsäule, die Wirbelsäule und das Becken. Häufig hängen Kieferprobleme mit Fehlstellungen in diesen Bereichen zusammen. -
Die Körperstatik optimiert wird:
Eine korrekte Ausrichtung von Becken, Wirbelsäule und Kopf sorgt dafür, dass das Kiefergelenk in seiner natürlichen Lage steht und symmetrisch belastet wird.
Patientenbeispiel: Frau S., 48 Jahre
Symptome:
Frau S. klagte über chronische Kiefer- und Kopfschmerzen, Verspannungen im Nacken und Schmerzen im unteren Rücken. Zusätzlich berichtete sie über nächtliches Knirschen und Schwierigkeiten, den Mund weit zu öffnen.
Diagnose:
Die Untersuchung beim Zahnarzt ergab, dass die Okklusionsebene ihres Zahnersatzes nicht parallel zur Camperschen Ebene verlief. Eine physiotherapeutische Analyse zeigte zusätzlich eine Beckenfehlstellung und eine kompensatorische Überstreckung der Halswirbelsäule, die das Kiefergelenk überbelasteten.
Behandlung:
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Physiotherapeutische Vorbehandlung:
- Mobilisierung des Beckens und der Wirbelsäule, um die Körperstatik zu optimieren.
- Lösen von Verspannungen in der Kaumuskulatur durch intraorale Techniken und gezielte Dehnübungen.
- Übungen zur Verbesserung der Mundöffnung und zur Stabilisierung des Kiefergelenks.
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Zahnärztliches Bissregistrat:
Nachdem die Muskulatur entspannt und die Körperhaltung ausgeglichen war, konnte ein präzises Bissregistrat erstellt werden. Die Okklusionsebene wurde korrekt parallel zur Camperschen Ebene ausgerichtet.
Ergebnis:
Nach der physiotherapeutischen Vorbehandlung und der Anpassung des Zahnersatzes konnte Frau S. ihre Kiefer- und Kopfschmerzen deutlich reduzieren. Die Rückenschmerzen ließen nach, und die allgemeine Lebensqualität verbesserte sich erheblich.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist der Schlüssel
Die Behandlung von Kiefergelenkproblemen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und Physiotherapeuten. Während der Zahnarzt die prothetische Versorgung plant, stellt der Physiotherapeut sicher, dass der Körper als Ganzes optimal darauf vorbereitet ist.
Warum dieser Ansatz so wichtig ist:
- Zahnärzte konzentrieren sich verständlicherweise auf den Kieferbereich, jedoch berücksichtigen sie selten Fehlstellungen des Beckens oder der Wirbelsäule, die das Kiefergelenk beeinflussen können.
- Physiotherapeuten hingegen betrachten den gesamten Körper und sorgen dafür, dass die Behandlung nicht nur lokal, sondern systemisch wirkt.
Ganzheitliche Behandlung für langfristigen Erfolg
Eine präzise Bissregistrierung ist nur möglich, wenn der Körper als Ganzes in einer muskulär entspannten und statisch ausgeglichenen Position ist. Eine physiotherapeutische Vorbehandlung schafft die Grundlage dafür, dass Zahnersatz und Kiefergelenk perfekt aufeinander abgestimmt werden.
Patienten sollten aktiv nach einer interdisziplinären Behandlung fragen, und Zahnärzte sollten die Physiotherapie als festen Bestandteil ihrer Planung integrieren. Nur so lassen sich Beschwerden langfristig vermeiden und eine optimale Funktion sicherstellen.